Wie erklärt man einem Kind die Situation in Deutschland? Mit einer Geschichte. 

 

Björn Diegmann

                                             

 

Es gab eine Zeit, da lebten alle Tiere gemeinsam im großen Wald. Das klingt zunächst

toll und friedlich, nicht wahr? Aber in Wahrheit war einer dem anderen neidisch, und

von Frieden war keine Rede.

Eines schönen Tages nun beschlossen der Fuchs, der Bär und der Hahn, gemeinsam

den Wolf endgültig aus dem Wald zu treiben. „Er wird mir noch alle meine

Futterplätze leer räumen“, jammerte der Fuchs, der durch seine List den Wolf schon

einmal besiegt hatte. „Er ist zu groß, zu gefräßig... und er hat lauter Welpen.

Außerdem habe ich gesehen, daß er seine Zähne und Krallen schärft, obwohl wir ihm

das verboten hatten, damit wir keine Angst mehr haben müssen. Er muß aus dem

Walde fort!“

„Eben!“ keckerte der Hahn. Auch er hatte schon einen Strauß mit dem Wolf hinter

sich und dabei übel Federn gelassen. „Überall hat dieser Wolf seine Pfoten im Spiel.

Was bleibt da noch von meinem Lebensraum? Seine ganze Sippe benimmt sich wie die

Herren des Waldes. Dabei haben wir ihm doch schon einmal das Fell über die Ohren

gezogen. Er darf nicht wieder so billig davonkommen - er soll verschwinden!“

„Bei der Keilerei damals haben wir nur mit Hilfe des Adlers gewonnen!“ gab der dicke Bär

zu bedenken. „Aber der hat nun hier im Wald nichts mehr zu suchen. Außerdem lebt

jetzt die Schlange im Gebiet des Wolfes, die ich damals rausgeworfen habe. Die will ich

aber nicht zurück haben, die muß woanders hin. Naja, laßt mich nur machen, den Wolf will

ich schon vertreiben - und mein Jagdrevier bis tief in den Wald ausdehnen.“ Und er

setzte sich auf seinen dicken Hintern und fing an, seine Krallen zu wetzen und auf

seinen fürchterlichen Zähnen zu malmen.

„Aber wir müssen listig sein.“ ließ sich wieder der Fuchs vernehmen. “Die anderen

Tiere sollen nicht merken, daß wir den Wolf zu vertreiben suchen. Ich will den Dachs

dazu benutzen, daß der Wolf nachher als der Böse dasteht, der angefangen hat.

Dann ist es nur Recht, uns seiner zu wehren!“

Der Wolf aber, der ganz nahe im Dickicht gelegen und erfolglos versucht hatte, sich

einen Floh wegzukratzen, den die Schlange ihm vor Zeiten ins Ohr gesetzt hatte und

der ihn halb wahnsinnig machte, der Wolf also mußte diese ganze Versammlung

mitanhören. Wie nun der Bär am Abend zu seiner Höhle kam, saß der Wolf davor auf

den Hinterläufen und wartete auf ihn.

„Hör zu, Bär,“ sagte er, „du und ich, wir wissen, daß der Wald groß genug ist für uns

alle. Du bist stärker als ich, aber ich bin gefährlicher und schneller als du. Schließen

wir also einen Pakt: wir lassen uns gegenseitig in Ruhe. Mit dem Hahn und dem Fuchs

werde ich schon fertig werden, wenn du mir nicht dazwischen gehst.“

Dem Bär leuchtete das ein, und er reichte dem Wolf die Pranke zum Zeichen, daß

der Pakt besiegelt sei.

Der Wolf eilte daraufhin zum Fuchs und dann auch zu dem Hahn und erklärte ihnen,

daß ein Streit zu nichts führen würde; er wolle lieber in Ruhe leben. Den Dachs

aber warnte der Wolf eindringlich, sich nicht mit diesen Burschen abzugeben, wenn

ihm sein Leben lieb sei. Alle drei hörten ihm ernst zu und versprachen sich zu

bedenken, doch als er fort war, lachten sie über den tölpelhaften und naiven Wolf,

denn jeder war sich sicher, daß diesmal der Kampf endgültig zu seinen Gunsten

entschieden würde und der Wald ihnen allen mehr Platz und Beute bringen werde

ohne Wölfe.

 

Doch es sollte anders kommen. Weisungsgemäß hatte der Dachs den Streit

angefangen, indem er einige Mitglieder des Wolfsrudels angriff und entführte.

Wutentbrannt eilte das Rudel ihnen zu Hilfe, als plötzlich von der anderen Seite der

Bär angerannt kam. Der Dachs, plötzlich von zwei Seiten angegriffen, mußte seinen

Bau hergeben und um Gnade betteln. Und er verstand, daß man ihn nur benutzt hatte.

Der Wolf aber wusste ja genau, daß der Hahn und der Fuchs hinter alle dem

steckten. Dennoch ließ er ihnen ausrichten, ein Friede könne gemacht werden, wenn

sie ihn in Ruhe ließen.

Die beiden aber waren völlig von ihrem wolfsfreien Wald überzeugt, und so mußte

das Rudel gegen den Hahn losziehen, der nach einigen Hieben und Bissen schon

kapitulierte und die weiße Flagge auf seinen Misthaufen aufpflanzte. Die Wölfe

akzeptierten den Frieden und setzten nur einen Wolf als Bewacher an den Mist.

Aber auch der Bär stellte zu seiner Verwunderung fest, daß seine scharfen Krallen

ihm nichts halfen. Und nach einem sehr kurzen Kampf blieb auch dem Fuchs keine

Wahl, als sich auf seine kleine Insel im Fluß zu retten. Nach Atem ringend, lag er im

Gebüsch und schaute in den Himmel, als ihm plötzlich ein Gedanke kam: der Adler von

der anderen Flußseite sollte ihn, sollte sie alle vor dem brutalen und bösen Wolf retten.

 

Der Adler wußte längst, daß es Kampf im Wald gab. Er willigte ein, auch diesmal

wieder für Ruhe zu sorgen. „Unter einer Bedingung,“ sagte er mit seiner heiseren

Stimme, „denn wenn ich jetzt noch einmal eingreife, dann soll es das letzte Mal

gewesen sein, daß ich euch helfen muß. Ich halte den Wolf nieder, aber von da an

müßt ihr tun, was ich sage und was meine fliegenden Boten euch ausrichten werden.

Stimmt zu, oder ihr müßt alleine sehen, wie ihr fertig werdet. Und noch eins: wenn

der Wolf sich besonnen hat, daß er ein Wolf ist und Teil des Waldes, und mit euch

wieder zusammen leben kann, dann werde ich ihn wieder freigeben.“

 

Die Tiere berieten sich kurz, dann nickten sie – wollten sie am Leben bleiben, gab es

scheinbar keinen anderen Weg.

 

Und so kam es, daß der Adler den kampfgeschwächten Wolf und sein Rudel

niederrang. Er ließ ihn in einer Höhle einsperren und zerteilte sein Revier in mehrere

Teile. Überall setzte er Wächter ein, manche aus seiner Sippe, aber auch Bären,

Füchse und Hühner. Der Floh im Ohr des Wolfes aber entsprang ganz einfach.

 

So blieb es für eine lange Zeit. Und als die Jahre vergingen, fing der Adler an,

die Nachkommen des Wolfes mit Hunden zu verpaaren, die ihm zuverlässiger erschienen,

und diese als Wachposten und Verwalter einzusetzen. In das Revier, das der Wolf vorher kontrolliert hatte,

lud er jetzt Kaninchen und Eichhörnchen, aber auch Schlangen, Marder und andere Raubtiere ein,

denn so, fand er, war der Wolf recht einfach dauerhaft mit sich selbst zu beschäftigen.

Maulwürfe wurden von überall her eingeschleust, und bald war der

ganze Wald untertunnelt. Und auch die Flöhe kamen natürlich wieder und setzten sich

in manches Ohr, aber über die durfte nicht laut gesprochen werden.

 

Die Parias, jene Mischlinge, die mit jeder Generation weniger wölfisch wurden,

begannen mit der Zeit, sich über die Regeln des Adlers hinwegzusetzen. Auch fanden

sie nichts dabei, sich hemmungslos an den Vorräten zu bedienen, die die vorherigen

Wolfsgenerationen angelegt hatten. Sie waren bei den anderen Tieren des Waldes als

Nachbarn sehr beliebt. Dies vor allem wegen ihrer gierigen Bestechlichkeit und ihrer

Neigung, nicht mehr zu denken als unbedingt nötig.

 

Inzwischen halten die Parias der aktuellen Generation sich für die unumschränkten

Herren ihres Stückchens Wald. Sie wollen nichts davon wissen, daß das Gebiet des

Rudels vorher sehr viel größer gewesen war, und die Regeln des Adlers jucken sie

nicht. Vor allem aber wollen sie nicht dulden, daß in ihren Reihen immer noch

reinrassige Wölfe geboren werden, die die Parias daran erinnern, wie sie hätten sein

können. Sie jagen diese Wölfe davon, wo immer sie sie erwischen, und erzählen den

anderen Hunden, was für schreckliche Monster jene gewesen seien. Die Wölfe können

nämlich schon genetisch mit der fettfaulen und angepaßten Denkweise der

inzwischen entstandenen Mischlinge und Schoßhunde nichts anfangen. Ihre Seele

erinnert sich daran, daß es einmal etwas Besseres, etwas Aufrichtigeres, Größeres

gab - daß sie einmal frei waren. Für die Mischlinge und Parias aber sind das nur

Verschwörungstheorien von ein paar Unangepaßten. Die Maulwürfe und ein paar der

dickeren Hunde wissen zwar Bescheid, aber sie reden nicht darüber.

Vielleicht haben sie ihr Ehrenwort gegeben oder so.

 

So ist das inzwischen, hier im Wald. Doch seit einiger Zeit geschieht Merkwürdiges.

Die Gerüchte darüber gehen von Ohr zu Lauscher, von Schnabel zu Maul im Wald: es

heißt, der Adler habe verlauten lassen, er sei die ewigen Vertragsbrüche durch die

Hunde leid. Einige behaupten, es gebe noch freilebende Wölfe, aber wer glaubt das

schon. Und man sagt, unter all den Mischlingen und Parias würden wieder richtige

Wölfe geboren, - das ist natürlich Unsinn.

Nur am Abend, wenn die Hunde und die verbliebenen, inzwischen grauen Wölfe allein

den Himmel anstarren oder in Grüppchen zusammen liegen und den alten Geschichten

lauschen, passiert es manchmal:

- der stille Wald scheint einen Moment den Atem anzuhalten, und plötzlich steigt aus

seinen Tiefen klar und unverkennbar das langgezogene, sehnsuchtsvolle Heulen eines

Wolfes in die Nacht empor, ein Lied, so alt wie die Welt, durchtränkt von Kraft und

Freiheit, ein Gebet an den Himmel, den Mond, die Erde.

Und unter der magischen Urkraft dieses Rufes, die den alten, zahnlosen Wölfen die

Lefzen zittern macht, erheben sich weitere Stimmen, nah und von fern – und jedes

Mal sind es einige mehr.

Und der Wald erschauert.

 

„...wenn er Wolf sich besonnen hat, daß er ein Wolf und Teil des Waldes ist...

dann werde ich ihn wieder freigeben.“